Keine one-size-fits-all Lösung

Die Ehe für alle war und ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen. Das ist unbestritten. Deshalb hat sich dieser politische Kampf gelohnt – auch für Menschen, die nicht planen zu heiraten. Denn die Ehe für alle ist Ausdruck der gesellschaftlichen Akzeptanz von homo- und bisexuellen Menschen und ein Symbol für gleiche Rechte. Auch unbestritten ist, dass damit noch lange nicht alle Familien- und Beziehungsformen rechtlich abgesichert und gesellschaftlich akzeptiert sind. Der Staat anerkennt nur Beziehungen zwischen zwei Menschen. Das entspricht nicht der Realität, schränkt ein und ist diskriminierend. Es ist eine Tatsache, dass viele Menschen in unserer Community vielfältiger leben als ‘nur’ in monogamen Beziehungen zu zweit. Die Ehe für alle ist deshalb keine one-size-fits-all Lösung für unsere Lebensrealitäten und das ist auch richtig so. 

Manche schwulen und bisexuellen Männer haben einen Kinderwunsch und erfüllen sich diesen auf verschiedenen Wegen. In der Schweiz ist diese Erfüllung jedoch meist mit hohen Hürden und rechtlichen Unsicherheiten verbunden. Wir von Pink Cross setzen uns dafür ein, dass vielfältige Familienformen und Realitäten rechtlich anerkannt und Regenbogenfamilien gleichgestellt werden, damit alle Kinder optimal abgesichert sind. Deshalb hat die Mitgliederversammlung ein Positionspapier verabschiedet, das sieben konkrete Forderungen an Politik und Öffentlichkeit stellt, wie die Lebensrealitäten von queeren Familien rechtlich anzuerkennen sind:

 

1. Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung gewährleisten: Alle urteilsfähigen Kinder sollen jederzeit das Recht haben, Informationen zu ihrer genetischen und biologischen Abstammung zu erhalten. Dafür soll ein zentral geführtes Register geschaffen werden und die rechtlichen Eltern sind verpflichtet, alle Daten zur Abstammung (z.B. Samen-, Eizellenspender*in, Leihmutter etc.) zu erfassen und das Kind altersgerecht über seine Zeugung zu informieren.

 

2. Vereinfachung der Stiefkindadoption: Die einjährige Wartefrist («Pflegezeit») bis zum Beginn des Verfahrens zur Stiefkindadoption soll bei gemeinsamen, neugeborenen Wunschkindern gestrichen werden. So wird ermöglicht, dass der zweite Elternteil möglichst rasch die rechtliche Verantwortung für das Kind übernehmen kann.

 

3. Private Samenspende regeln: Bei privaten Samenspenden soll der Samenspender vor Geburt des Kindes eine Verzichtserklärung abgeben und die intentionalen Eltern eine Elternschaftsvereinbarung abschliessen können. So soll das Kind ab Geburt zwei rechtliche Elternteile haben. Eine Unterscheidung zwischen medizinisch assistierter oder privater Verwendung der Samenzellen ist nicht notwendig.

 

4. Anerkennung von Kindsverhältnissen durch Leihmutterschaft: Ausländische Entscheidungen zu Kindsverhältnissen, die aufgrund einer Leihmutterschaft entstanden sind, sollen in der Schweiz unkompliziert anerkannt werden, sofern die Menschenwürde von Kind, Leihmutter und Eizellenspenderin gewährleistet ist. So sollen Kinder, die mit Hilfe einer Leihmutter im Ausland geboren werden, auch in der Schweiz ab Geburt die intentionalen Eltern als rechtliche Eltern haben.

 

5. Legalisierung der Leihmutterschaft in der Schweiz: Die Leihmutterschaft nach ethischen Richtlinien, welche Leihmütter vor Ausbeutung und Verletzungen ihrer Menschenwürde schützen, soll in der Schweiz legalisiert werden. Dafür muss auch die Eizellenspende in der Schweiz ermöglicht werden. Die intentionalen Eltern sollen ab Geburt als rechtliche Eltern anerkannt werden. Die Ausarbeitung der ethischen Richtlinien muss durch Expert*innen und mit Vertreter*innen aller relevanten Interessengruppen erfolgen.

 

6. Personen mit engem Bezug einbinden: Die rechtlichen Eltern sollen mit Personen mit engem Bezug zum Kind (z.B. Samenspender und sein*e Partner*in, weitere Lebenspartner*innen, Familienangehörige) eine Vereinbarung abschliessen können, welche diesen Personen bestimmte Rechte und Pflichten gegenüber dem Kind einräumt.
Der Abschluss einer solchen Vereinbarung soll vor Geburt des Kindes möglich sein und von den
Behörden ab Geburt anerkannt werden. Ist ein Kind urteilsfähig, muss es die Zustimmung geben.

 

7. Mehrelternschaft ermöglichen: Ein Kind soll mehr als zwei rechtliche Elternteile haben können. Dafür schliessen der erste (und gegenenenfalls zweite) Elternteil eine gemeinsame Vereinbarung mit den weiteren Elternteilen ab. Der Abschluss einer solchen Vereinbarung soll vor Geburt des Kindes möglich sein und von den Behörden ab
Geburt anerkannt werden. Ist ein Kind urteilsfähig, muss es die Zustimmung geben. Mehrelternschaftsentscheide aus dem Ausland sollen unkompliziert anerkannt werden.

 

All diese Forderungen sind weitere wichtige Schritte auf dem Weg zur rechtlichen Absicherung und gesellschaftlichen Akzeptanz von Regenbogenfamillien. Doch damit ist noch nicht genug! Denn neben dem dringend nötigen Fortschritt bei der Anerkennung von vielfältigen Familienmodellen, braucht es auch neue Lösungen für die riesige Vielfalt an Beziehungsmodellen. Wie diese Lösungen konkret aussehen sollen, wissen wir heute noch nicht. Sollen wir uns an einem PACS orientieren wie in Frankreich? Oder an
einer Verantwortungsgemeinschaft wie dies in Deutschland geplant ist? Oder braucht es auch hier einen Kompromiss nach Schweizer Art? Keine Ahnung – noch nicht! Denn dafür wollen und müssen wir unsere Community noch besser kennenlernen. Wir wollen wissen, wie die Lebensrealitäten heute aussehen und in Zukunft aussehen könnten. Dafür brauchen wir dich! Lebst du in einer Beziehungform, die (noch) nicht anerkannt ist vom Staat, rechtlich (noch) nicht abgesichert ist oder gesellschaftlich (noch) nicht akzeptiert wird? Dann melde dich bei uns. Wir bleiben dran!