Alice Schwarzers «Streitschrift» gegen trans Menschen

Henry Hohmann ist Transaktivist und setzt sich seit über 10 Jahren für die Rechte von trans Menschen ein. Von 2012 bis 2018 war er Präsident bzw. Co-Präsident von Transgender Network Switzerland.

Ich gebe zu: Ich fand Alice Schwarzer mal ganz toll. Streitbar und klug, war sie die Ikone des Feminismus. Ihr Einsatz für das Recht auf Abtreibung oder die Analyse, wie wirkliche Gleichberechtigung erreicht werden kann, ist auch heute noch (oder wieder) aktuell. - Doch nun hat sie mit ihrer Co-Autorin Chantal Louis ein Buch, eine «Streitschrift», wie es im Titel heisst, veröffentlicht, in dem sie sich systematisch gegen trans Menschen, insbesondere junge trans Personen, wendet.

 

Transtrender versus Transgender

Im Buch warnt sie vor den Gefahren von überhasteten Geschlechtsangleichungen, insbesondere bei Jugendlichen. Dies sei ihrer Ansicht nach momentan ein grosser Trend, eine «Mode». Überhaupt gäbe es nur wenige echte trans Menschen, die anderen meinen nur, trans zu sein. Und das liege an rigiden Rollenklischees, aus denen vor allem junge Frauen (also trans Männer) auf diese Weise ausbrechen wollen. 

 

Doch wo bleiben die Fakten?

Die Herausgeberinnen haben eigene Texte verfasst, lassen Psychotherapeut*innen zu Wort kommen, sogar trans Menschen, die eine Radikalisierung der Szene beklagen, und junge Erwachsene, die ihre Geschlechtsangleichung wieder rückgängig gemacht haben. Meist sind dies biographische Einzeldarstellungen, aber nur selten präsentiert das Buch Studien zur tatsächlichen Lage. Stattdessen werden vage und floskelartige Formulierungen verwendet. «Immer häufiger», «immer mehr Kinder», «immer öfter» – das provoziert eine Steigerung, die durch keine Untersuchung im Buch, durch keine angeführte Studie nachgewiesen ist. Bei den Erwachsenen werden hingegen skandalöse Einzelfälle ausgebreitet: Männer, die sich als Frauen getarnt Zugang zu Sammelumkleidekabinen verschaffen oder in Frauenhaftanstalten weibliche Mithäftlinge vergewaltigen. Dass dies mit dem Leben der meisten trans Menschen nichts zu tun hat, ist klar. Bedient wird hingegen eine Sensationslust – ein übliches Mittel, wenn die Argumente dünn sind. Statt Lösungen zu suchen, werden Einzelfälle ausgebreitet, statt Fakten zu liefern, wird ein Kulturkampf beschworen.

 

Das Buch ist ein Ärgernis, weil es die Lebensrealität von trans Menschen verkennt und – nebst einer längst überholten Auffassung von Feminismus –ein wichtiges Ziel hat: Die Debatte über ein Selbstbestimmungsgesetz für trans Menschen in Deutschland zu lenken, eine Debatte, die aggressiv und giftig geführt wird, und in der auch falsche, einseitige und zurechtgebogene Argumente recht sind. Das Buch ist Teil eines konservativen Kulturkampfs, der heutige Geschlechterdebatten als unsinnig abtut. Die Autorinnen schreiben aus einer mächtigen Position, gerieren sich selbst aber zugleich als Opfer der Kritik an ihrer Publikation. Alice Schwarzer macht auf dem Rücken einer der am stärksten diskriminierten Minderheiten Auflage und Stimmung. Das ist so billig und beschämend.