Hete im Wartezimmer – und wir so: same room, andere Realität
Neulich im Wartezimmer meines Therapeuten: Weil er mich warten lässt, tue ich mal wieder so, als würde ich mich brennend für ein drei Jahre altes GEO Special über Künstliche Intelligenz interessieren. In Wirklichkeit mache ich, was – let’s be real – alle hier tun: Wir scannen die Mitwartenden wie bei einem Reality-TV-Casting und fragen uns, was ihre Storylines sind.
Ich meine: I’m gay – das erklärt schon die halbe Krankenakte. Aber dieser hetero aussehende Typ mir gegenüber, der wie ein Versicherungsberater auf Work-Life-Balance-Kurs wirkt und nervös in einer Zeitschrift blättert: Was ist seine Geschichte? Hat er auch geweint, als Bambi starb? Oder realisiert er gerade, dass sein Sohn lieber tanzt als Tore schiesst – und jetzt will seine Frau (props dafür!), dass er sich seinen Vorurteilen stellt? Was bringt so eine Hete dazu, hier zu sitzen – irgendwas, das sich nicht mit «bisschen Gottvertrauen und einem Meter Klebeband» (Sister Act II kam nach Bambi, aber ich musste auch da weinen) regeln lässt?
Okay, das war zynisch. Und ja: Psychische Gesundheit geht uns alle etwas an. Heteros täten gut daran, mehr Therapie-Angebote zu nutzen. Aber als Projektleiter der LGBTIQ Helpline weiss ich: Psychische Gesundheit hat ein Geschlecht – und eine sexuelle Orientierung.
Was ich meine: Es gibt signifikante Unterschiede zwischen hetero und queeren sowie cis und trans Menschen. Und dabei geht’s nicht nur um die deutlich höhere Suizidalität bei jungen LGBTIQ Personen. Minderheitenstress – die psychische Belastung durch Ablehnung, Unsichtbarkeit oder Anpassungsdruck – trifft queere Menschen früher, härter, öfter. Er ist wie ein Schatten, der selbst in vermeintlich sicheren Momenten mitgeht.
Die LGBTIQ Helpline ist täglich mit diesen Schatten konfrontiert: Unsere freiwilligen Peer-Berater*innen hören von Outing-Ängsten, Ablehnung in der Familie, queerfeindlicher Gewalt, Einsamkeit auf dem Land oder innerem Druck durch religiöse Normen. Sie begegnen Geschichten, in denen Minderheitenstress keine Theorie ist – sondern Alltag. Und trotzdem begegnen wir auch immer wieder etwas anderem: Resilienz. Nicht als romantisierte Superkraft, sondern als tägliche Entscheidung, weiterzumachen. Resilienz bedeutet nicht, dass alles abperlt – sondern dass Menschen lernen, mit dem Schmerz zu leben, sich Räume zu schaffen, in denen sie atmen können, und sich selbst aufzurichten, auch wenn die Welt sie wieder und wieder kleinmachen will.
Diese Resilienz entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wächst auch durch Angebote wie die LGBTIQ Helpline. Durch Gespräche, die stützen statt bewerten. Durch ein offenes queeres Ohr nach einem Tag in einer heternormativen Welt. Durch das Wissen: Da ist ein Mensch, der mich sieht. Diese Orte sind keine Kür. Sie sind Überlebensinfrastruktur.
Und jedes Mal, wenn ich im Wartezimmer meines Therapeuten sitze – auch wenn ich mich lieber über schlecht gekleidete Heteros mit Midlife-Meltdown auslasse –, weiss ich das. Und noch mehr, seit ich Projektleiter der Helpline bin: Für viele Queers ist psychische Gesundheit nicht einfach ein weiteres Thema. Sie ist oft das tägliche Ringen um Würde, Sicherheit, Selbstverständlichkeit. Der Typ im Wartezimmer hat vielleicht Stress mit seinem Sohn. Die Menschen, die uns schreiben, haben manchmal Angst, überhaupt sie selbst zu sein.
Und genau da beginnt unsere Arbeit. Wir sitzen vielleicht nicht in schicken Praxisräumen. Aber wir sind da, wenn es brennt – übrigens auch für Dich.
Milo Käser, Projektleiter LGBTIQ Helpline
Die LGBTIQ Helpline lebt vom Engagement der ehrenamtlichen Berater*innen und von Spenden
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