Ja, wir wollen!
Die Zeiten sind vorbei, in denen wir uns an jeden queeren Nebencharakter im TV oder Film klammern mussten. Was für ein Durchbruch war es, als es die ersten kitschigen Weihnachtsfilme über schwule Paare gab. Gibts zu! – wir haben sie doch alle als «guilty pleasure» geschaut und uns über bisschen Sichtbarkeit gefreut. Doch wenn ich diese Beziehungen mit meinen Freund*innen vergleiche, entsprechen diese romantischen Geschichten nur selten der Lebensrealität. Es fehlt mir an polyamoren Konstellationen, glücklichen Singles und schwulen Eltern. Man könnte fast meinen, dass es nur noch Paare gibt und seit der Einführung der Ehe für alle sowieso nur noch geheiratet wird.
Unsere Community-Umfrage unter fast 1’500 schwulen, bisexuellen und queeren Männern letztes Jahr zeigte etwas anderes: zwei Drittel derjenigen, die in einer Beziehung sind, leben diese nicht exklusiv. Das heisst sie sind in einer polyamoren Konstellation, einer offenen Ehe/Partnerschaft oder in anderen Beziehungsformen. Das Schönste daran: 95 Prozent der Personen in Beziehungen sind zufrieden und die Hälfte der Singles finden ihren Beziehungsstatus okay bis sehr gut. Das bestätigt, was wir als Pink Cross schon lange wusste: Egal ob polyamor, offen oder exklusiv – in allen Beziehungsformen kann man glücklich werden. Auch die Befragten sehen diese Vielfalt an gelebten Beziehungen in der Community als positiv und schätzen sie als grösser ein als unter cis-hetero Personen.
Doch wo bleibt die Sichtbarkeit und rechtliche Anerkennung von diesen vielfältigen Beziehungen in der Gesellschaft? Wo sehen wir in unseren Medien Beziehungen zwischen drei oder mehreren Personen? Und wann gibt es endlich kitschige Hollywood-Filme mit glücklichen Singles?
Endlich rechtliche Absicherung aller
Beziehungsformen!
Die Regenbogenfamilie mit vier Elternteilen oder die schwule Dreierbeziehung kann sich momentan nur mit komplizierten Verträgen gegenseitig rechtlich absichern. Und auch diese Möglichkeiten bleiben unbefriedigend. Erben, Kinder kriegen, Steuerunterlagen, AHV-Bezüge und vieles mehr ist darauf ausgelegt, dass wir ein Leben lang zu zweit, und am besten mit der gleichen Person, unterwegs sind. Unsere Lebensrealitäten zeigen aber schon jetzt, dass oft nicht nur zwei Personen füreinander Verantwortung übernehmen, geschweige denn als Bezugsperson für ein Kind sorgen.
Die Modernisierung des Familienrechts wird in der Schweiz schon über zehn Jahre politisch diskutiert. Selbst der Bundesrat stellt in verschiedenen Berichten und Äusserungen fest, dass sich unsere Gesellschaft wandelt und eine grössere Vielfalt an Beziehungen sichtbar wird. Im Fokus stehen aber auch hier mehrheitlich Fragen, wie unverheiratete Paare abgesichert sind und ob es eine Art «Ehe light» braucht, mit eingeschränkten Rechten. Visionärer Mut, um Mehrelternschaften und vielfältige Beziehungen rechtlich abzusichern, fehlt jedoch den Schweizer Politiker*innen bisher. So auch bei den Diskussionen um einen sogenannter «Pacte Civil de Solidarité» (PACS), der aktuell in den Parlamentskommissionen beraten wird. Den Ursprung hat der PACS in Frankreich, wo er 1999 als eine Art «Ehe light» für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt wurde – ohne Adoptions- oder Elternrechte. Heute wird er dort tatsächlich mehrheitlich von heterosexuellen Paaren genutzt, da er mit weniger administrativem Aufwand verbunden ist als die Ehe.
Anerkannte Mehrelternschaften mit mehr als zwei Elternteilen gibt es bis jetzt nur in Kalifornien und den kanadischen Provinzen Ontario und Columbia. In Europa werden sie in Belgien und die Niederlande diskutiert - umgesetzt sind Möglichkeiten zur Absicherung von Co-Parenting aber noch nicht. Und bei den vielfältigen Beziehungen macht die aktuelle Ampelregierung in Deutschland mit einer «Verantwortungsgemeinschaften» für bis zu sechs Personen neue Schritte. Der konkrete Gesetzesentwurf fehlt aber auch hier noch.
Der Kampf für die rechtliche Anerkennung von vielfältigen Beziehungen und Familien wird also ein langer und intensiver – egal ob in der Schweiz oder anderswo. Pink Cross setzt sich zum Ziel, dass der diskutierte PACS in der Schweiz mehr als zwei Personen abdeckt und die Lebensrealitäten von Regenbogenfamilien endlich anerkannt werden. Setzt du dich mit uns ein?
Pink Cross ist die Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz. Unterstütze uns in unserem Einsatz für die Anerkennung vielfältiger Beziehungen und werde Mitglied für nur 50 Franken im ersten Jahr: pinkcross.ch
Text: Samson Rentsch