Strafanzeige gegen Bischof Huonder

PINK CROSS reicht am Montag, 10. August 2015, Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Graubünden gegen den Vitus Huonder ein. Damit reagieren wir auf die homophoben Aussagen des Bischofs, die öffentlich zu Verbrechen auffordern. Die Strafanzeige wird von der Lesbenorganisation Schweiz unterstützt.

Ja,

für uns sind Meinungs- und Religionsfreiheit ein hohes Gut. Jeder Mensch darf seine Meinung haben und auch äussern. Nicht geschützt ist jedoch eine Meinung, die zu Hass und Verbrechen auffordert.

Wir dulden keinen Hass, keine Aufrufe zu Verbrechen und keine Gewalt an homosexuellen Menschen.

Nein,

das Zitieren von zwei Bibelzitaten aus einer Gesetzesordnung aus dem Alten Testament zur Legitimation von aufrufen zu Hass und Verbrechen – bar jeder Exegese (Auslegung) und jeglichen Zusammenhangs mit der Lehre Christi – sondern im wortwörtlichen Sinn, ist für uns nicht hinnehmbar. Es sät Hass. Wir dulden keinen Hass, keine Aufrufe zu Verbrechen und keine Gewalt an homosexuellen Menschen und anderen sogenannten Minderheiten.

Nicht alle Kirchen sind homophob und die meisten Kirchenvertreter und –mitglieder schon gar nicht. Unsere Strafanzeige richtet sich direkt gegen den Bischof von Chur. Wir sind für jede Stimme dankbar, die auch innerhalb der Kirche(n) für LGBTI-Rechte und Gleichstellung eintreten.

Es ist nicht okay, Schwule, Lesben und/oder Transmenschen zu diskriminieren, zu verletzen oder zu töten. Dagegen wehren wir uns.

Warum reichen wir eine Strafanzeige ein?

Die öffentliche Aufforderung zu Verbrechen erfolgte einerseits anlässlich eines vom Vitus Huonder am 31. Juli 2015 an einem römisch-katholisch-konservativen Kongress in Fulda, Deutschland, gehaltenen Referats und andererseits mit der Publikation seiner Rede auf der offiziellen Website des Bistums Chur. Darin bezieht sich Bischof Huonder auf ein Bibelzitat aus den Gesetzesvorgaben im Alten Testament, die homosexuellen Beischlaf unter Männern mit dem Tod bestraft wissen wollen(«es ist ein Gräuel, beide Männer sind mit dem Tod zu bestrafen; ihr Blut soll auf sie kommen, 3. Moses (Lv.) 18/23 und 20/13»).

Einleitend betonte der Bischof die Authentizität und Wahrheit dieser und anderer von ihm zitierten Bibelstellen (im Zusammenhang mit der Rolle der Frauen und der Familie). Dann meinte er, dass sie bezüglich gleichgeschlechtlichem Beischlaf [unter Männern] allein schon genügen würden, um [der Gesellschaft] aus dem Glauben heraus die richtige Wende zu geben. Übersetzt bedeutet das: Wenn die Gläubigen, die Kirche und die Gesellschaft dieser israelitischen Gesetzesordnung aus dem 6. Jahrhundert vor Christus nur Folge geben, dann ist für gleichgeschlechtlichen Beischlaf unter Männern wieder die Todesstrafe einzuführen. Implizit ergibt sich daraus auch ein Freipass für jegliche Art homophober Gewalt.

Unsere Argumente für eine Strafuntersuchung

Öffentlichkeit

Bischof Huonder hat seine Rede an einem römisch-katholisch-konservativen Kongress mit einer Vielzahl von Teilnehmenden gehalten, der nicht nur eingeladenen Gästen vorbehalten war. Gleichzeitig ist die Rede online per Video und als Publikation auf der Webseite des Bistum Churs abrufbar. Damit erreichen seine Aufforderungen eine grosse Öffentlichkeit.

Masse beeinflussen

Bischof Huonder hat die fraglichen Bibelzitate sowie weitere, die sich mit der Rolle der Frau und der Familie befassen nicht einfach wiedergegeben, sondern einleitend deren Authentizität und Wahrheit bestätigt und vor und unmittelbar nach dem Zitieren mehrmals ein entsprechendes Handeln propagiert.

Formulierungen wie „Mehr Kenntnis brauchen wir nicht, um (…) den damit verbundenen Auftrag zu erkennen“ oder „das Wort Gottes muss uns prägen“ oder „unser Leben danach gestalten“ oder „die göttliche Ordnung (…), welche für den Umgang mit der Sexualität gilt, aus dem Glauben eine Wende zu geben“.

Seine Wortwahl mag akademisch klingen, sie ist jedoch gar nicht harmlos. Der Bischof macht wiederholt klar, dass er die von ihm zitierten Bibeltexte als authentisch und damit wahr versteht, und er macht ebenso wiederholt klar, dass sich das Handeln der Gläubigen danach richten müsse.

Dass Huonder dabei auch gegen die Europäische Menschenrechtskonvention, die notabene auch von der Schweiz (und den allermeisten europäischen Staaten ratifiziert ist) und die Bundesverfassung (Art. 8) verstösst, sei hier nur noch am Rande vermerkt.

Vorbild und Autorität

Wer an einem der Öffentlichkeit zugänglichen Kongress, dann im Internet zu solchen Handlungen aufruft, erreicht eine unbeschränkte Anzahl Menschen, die sich potentiell radikalisieren lassen. Deshalb muss er verantworten, dass seine Botschaft als ernsthaft. eindeutig und als Aufforderung zum Handeln aufgefasst werden kann.

Im vorliegenden Fall darf zudem nicht ausser Acht gelassen werden, dass dieser Bischoff als Kirchenoberhaupt von mehreren Hunderttausend Katholiken religiöse Autorität für sich in Anspruch nimmt und gerade bei christlichen und anderen Fundamentalisten, die auch das Alte und Neue Testament und andere sogenannt Heiligen Schriften wortwörtlich verstanden haben wollen, Zustimmung, Gehorsam und entsprechendes Handeln auslösen kann.

Derartige Aufforderungen sind geeignet, die Stimmungen und Triebe der Massen dahin gehend zu beeinflussen, dass es zu gewalttätigen Übergriffen auf Homosexuelle kommt. Die diesbezügliche aktuelle und allgemein bekannte Berichterstattung über Gewalttaten mit homophobem Hintergrund in Europa zeugt davon, dass vergleichbare Aussagen von Politikern und Klerikern tatsächlich zu einem derart radikalisierten Klima und letztlich zu entsprechenden Verbrechen führen.

«Entschuldigung»

Die eilig publizierte «Entschuldigung» ist keine. Sie ist einerseits unglaubwürdig, weil sie behauptet, Homosexuelle nicht herabsetzen zu wollen, während sie gleichzeitig fordert, homosexuellen Menschen mit Mitleid zu begegnen, bevor sie dann verfolgt, Gewalt ausgesetzt, erschlagen und im schlimmsten Fall (wieder) mit dem Tod bestraft werden. Eine solche Aussage stellt geradezu die Perversion des Mitleids dar.

Die Stellungnahme entlastet Huonder andererseits aber auch deshalb nicht, weil er es eben gerade unterlässt, die von ihm als authentisch und demnach wahr bezeichneten Bibelstellen zu hinterfragen. Mit keinem Wort erwähnt er, dass die Tötung eines Menschen wegen dessen gelebter Homosexualität eine schwere Sünde, und damit nach zivilem Recht eine Straftat darstellt, denn er fordert offensichtlich eine wortwörtliche Auslegung der Bibel.

Links & Verweise

  • Medienmitteilung (9. August)

  • Vortrag Huonder (Video)

  • Vortrag Huonder (Schriftform)

  • Stellungnahme des Bischofs von Chur: „Bedauern über Missverständnis“

  • Reaktionen im Fall Huonder

  • Homosexualität und römisch-katholische Kirche

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